Mein erstes Reise-Résumé

Inhalt

Zahlen
Hinter der Verkleidung, oder: die Drogenroute nach Europa
Gefühlte (Un-)Sicherheit
Der Bordhund – die arme Sau
Zehn Monate heimatlos. Eine Bilanz

ZAHLEN

Die folgenden Zahlen gelten für den Abschnitt „Leer – Santa Cruz de La Palma“.

Abfahrt 9. August 2015
Ankunft 3. Januar 2016
Dauer 145 Tage
Tage unter Segeln 33,32
Längste Segelzeit non stop 7 Tage
Gesamtstrecke 3.039 Seemeilen
Durchschnittsgeschwindigkeit Gesamtzeit 0,87 Knoten
Durchschnittsgeschwindigkeit Segelzeit 3,8 Knoten
Durchschnittliche monatliche Kosten 944 EUR

1 Seemeile = 1,852 km, 1 Knoten = 1 Seemeile/h

Die Durchschnittsgeschwindigkeit beweist: man kommt auch langsam recht weit. Wer will, kann also innerhalb einer Lebenszeit mehrfach um die Welt trödeln – auch zu Fuß.

Diese Kosten enthalten alles. Also auch die Krankenversicherung, Hafengebühren, Ersatzteile, Diesel, Ausrüstung, Klamotten, Lebensmittel, Tierarztkosten, Pizza und Döner. Das ganze Leben. Und ich achte nicht auf den Cent. Wer es sportlich sieht, kann bei 100 Prozent Eigenleistung, was Reparaturen, Fisch- und Obstfang angeht, möglicherweise auf unter 500 Euro/Monat kommen.

HINTER DER VERKLEIDUNG, ODER: DIE DROGENROUTE NACH EUROPA

Sie kommen aus Mittel- und Südamerika. Schicke Serienyachten oder eigenwillige Eigenbauten, große oder kleine, manche sind schlicht, andere liebevoll verziert. Oft sind sie ausgerüstet mit Spaßgeräten wie Surfbrettern, Aufblasbooten und Wasserrutschen, und immer haben sie eine männliche Crew an Bord.

Auch die Ladung ist immer gleich: Kokain – 50 Kilo, 500 Kilo oder auch zwei Tonnen. Mal offenherzig in großen Plastiksäcken unter dem Salontisch verstaut, mal geschickt zwischen Außen- und Innenschale des Bootsrumpfes eingearbeitet. Die Yachten liegen an der Kette – in vielen Häfen der Kanaren. Leblos, unter Wasser zentimeterdick bewachsen mit Seepocken, die Hölzer von der Sonne ausgeblichen und aufgerissen.

Die Route über die Kanaren zu den Übergabepunkten in Spanien, Kroatien oder der Türkei liegt im Trend. Sie ist nach Aussagen örtlicher Hafenmeister die erfolgssicherste Route. Ganz besonders über den Jahreswechsel finden die Transporte statt, denn dann sind die überwachenden Behörden besonders schwach besetzt.

07. Januar 2016, Santa Cruz de La Palma

Eine ehemals hochpreisige 16 Meter Kunststoff-Yacht scheuert bei kräftigem Schwell am Steg. Die alten, brüchigen Leinen wurden schon mehrfach neu verknotet, der Rumpf zeigt einen stattlichen Pockenbewuchs von etwa 10 Zentimetern Dicke. Offensichtlich ist dieses Boot schon lange nicht mehr ausgelaufen.

... doch zwischen Lanzarote und La Graciosa war es halbwegs sicher möglich

… doch zwischen Lanzarote und La Graciosa war es halbwegs sicher

Die Kanaren sind im Winter leider kein Ankerrevier ...

Die Kanaren sind im Winter leider kein Ankerrevier …

Die Yacht weckt unser Interesse. Hanke, der zur Zeit mit Familie an Bord ist, investigiert, fragt den Hafenmeister nach Details: die Yacht sei im Dezember 2013 vor La Palma in einen Sturm geraten. Das Ruder brach, die Besatzung setzte einen Notruf ab und wurde von einem Rettungsboot nach Santa Cruz geschleppt. Die Behörden kamen an Bord um den Seenotfall aufzunehmen, entdeckten dabei die in Mülltüten verpackte Fracht im Wert von mehreren Millionen Euro. Die Besatzung wanderte in den Knast. Zu dumm – wäre doch genügend Zeit gewesen, sich der heiklen Ladung auf dem Ozean zu entledigen. Es war wohl die Aussicht auf Reichtum, die sie das Risiko in Kauf nehmen ließ.

28. März 2016, Arrecife de Lanzarote

Ich sitze mit einem Langfahrt-Dänen bei einem Glas Wein. Wir plaudern. Er erzählt, dass auch er bereits Erfahrungen mit dem regen und offenbar recht freizügig gelebten Drogenumschlag gemacht hat: Ein spanischer Stegnachbar auf Teneriffa, Eigner der schnieksten Motoryacht im Hafen, offensichtlich reich, beliebt und in jeder Hinsicht großzügig, naturgemäß aber auch ein wenig protzig und mitteilungsbedürftig, präsentierte ihm seine Yacht, die im Heck einen schicken deutschen Sportwagen und zwei amerikanische Motorräder beherbergte. Als über die Tage das Vertrauen wuchs, frage er, ob er (der Däne) denn schon einmal darüber nachgedacht hätte, wie er (der reiche Yachti) zu Geld gekommen sei. Und ob es nicht für ihn (den Dänen) ein lukrativer Nebenverdienst sei, ein wenig Koks von A nach B zu transportieren. Noch in der kommenden Nacht suchte der Däne die Weite des Atlantiks, da er sich nun als Mitwisser um seine persönliche Sicherheit Sorgen machte.

Das sind nur zwei Beispiele von vielen, die mir auf den Kanaren begegneten. Darüber denke ich nach, als ich in den letzten Strahlen der Abendsonne bei einer Flasche Wein an Deck sitze, während Lotte sich von den Stegnachbarn durchfüttern lässt. Ich frage mich, wie stark die Route frequentiert sein muss, wenn sogar jemand wie ich – harmlos, naiv und ehemaliger Dorfbewohner – so viel davon mitbekommt. Und ich frage mich, wie hoch der Prozentsatz von Wassersportlern sein mag, die an diesem bedeutenden Wirtschaftszweig verdienen. Ich frage mich auch, wie viel Ware auf dieser Route wohl umgesetzt wird und wie hoch die Gewinne sein mögen. Und ich frage mich, wie viele Segler es auch in diesem Hafen geben mag, die davon profitieren.

Mein Blick fällt auf die benachbarte Yacht. Sie sieht ziemlich schick aus 🙂

GEFÜHLTE (UN-)SICHERHEIT

Ich fühle mich sicher auf dem Meer, zumindest so lange ich für meine Sicherheit selbst verantwortlich bin: für den Zustand des Bootes und der Ausrüstung, für meine Fähigkeiten zur Navigation und zur Einschätzung der Wetterlage. Aber auch das persönliche Befinden. Stimmt die Beziehung zum Segeln? Habe ich Segellust und fühle mich dem nächsten Wellenritt gewachsen? Und was meint Lotte? Entdecke ich Schwächen im System „Christoph – Lotte – Boot“, bleiben wir im Hafen.

Doch es sind nicht nur das Boot, das Wetter und die Wellen, die Lottes und mein Schicksal bestimmen. Immer wieder ist es auch das Außen, das in unsere gefühlte Sicherheit eingreift.

14. April 2016, 15 Seemeilen nordwestlich Essaouira, Marokko

Ich bin erstaunt, wie gut sich die kleinen ungedeckten Holzboote der marokkanischen Fischer durch die Wellen pflügen. Mögen sie fünf oder sechs Meter lang sein. Die Besatzung geht fokussiert Ihrer Arbeit nach: einer steuert das Boot gekonnt durch die zwei Meter hohe See, ein anderer holt das Netz ein, ein Dritter sortiert den Fang. Bedrohlich wenig Freibord bleibt bei voller Beladung. Besonders dann, wenn sie einen Schaumkamm durchbrechen. Rettungsmittel? Fehlanzeige. Hunderte Boote dieser Art fördern hier täglich den Speisefisch für Volk und Tourismus. Vermutlich wäre nach deutschen Standards jedes dieser Boote per se ein Kandidat für die Seenotrettung.

Casablanca in der Morgendämmerung - kurz Beiliegen fürs Foto und weiter ...

Casablanca in der Morgendämmerung – kurz Beiliegen fürs Foto und weiter …

Schwer auszumachen und manchmal aufdringlich: marokkanische Fischer

Schwer auszumachen und manchmal aufdringlich: marokkanische Fischer

Für mich ist es ein Eiertanz. Die hohen Wellenberge versperren mir die kontinuierliche Sicht auf die Boote. Bin ich im Wellental, sehe ich sie nicht. Sind sie im Wellental, sehe ich sie auch nicht. Nur wenn ich und die potenziellen Kollisionspartner auf den Wellenbergen reiten, weiß ich, wo sie sind. So passiert es, dass mir manches Boot gefährlich nah kommt, ich zum „Manöver des letzten Augenblicks“ gezwungen werde. Die Fischer sehen das entspannt. Meist arbeiten sie so konzentriert, dass sie mich nicht zu bemerken scheinen.

Doch dann das: Eine Bootsbesatzung bemerkt mich und winkt freundlich. Alle drei. Ich winke freundlich zurück. Sie nehmen meine Offenheit wohl als Einladung wahr, kommen näher heran, albern herum, winken weiter. Auf drei, vier Meter Abstand streckt der Fischer, den ich als Ranghöchsten des Bootes ausmache, mit ernster Mine die Hand aus. Er verschwendet keine Worte, sein fordernder Gesichtsausdruck sagt: „Gib uns was!“. Entsprechend verunsichert ahne ich, was nun zu tun ist und finde im Geschenke-Schapp eine Flasche Rum. Zurück an Deck werfe ich schlecht – sie fangen gut. Mit lächelnden Gesichtern drehen sie ab.

Wenig später taucht ein weiteres Boot auf, ein ähnliches Szenario folgt. Ich werfe Zigaretten und erhalte dafür kaum Anerkennung. Die zeitlichen Abstände der Bootskontakte werden kürzer. Scheinbar wird die Information über den spendablen deutschen Segler via Funk verbreitet.

Das Geschenkeschapp ist nun leer, eine Idee muss her, denn: wie gehen die Jungs – angeheizt durch die Aussicht auf Schnaps und Zigaretten – mit einer Abfuhr um? Schon nähert sich das nächste Boot: Die Besatzung winkt freundlich, ich nicht. Sie kommen näher heran. Ich gehe den Niedergang herunter und erzähle der friedlich schlafenden Lotte, dass draußen drei Katzen gejagt werden wollen. Hoch motiviert, springt sie in einem Satz unter tieffrequentem Knurren ins Cockpit. Sie entdeckt das benachbarte Boot und bellt, wie ich es besser von ihr nicht erwarten kann. Die Fischer drehen ab, ich ernte mehrere ausgestreckte Mittelfinger. Mission erfolgreich. Schinken und Käse für Lotte!

Eine weitere Besatzung versucht ebenfalls ihr Glück. Ich schüttele verneinend den Kopf während Lotte aufgeregt über die Reling schaut. Fluchend drehen sie ab.

 

16. April 2016, 23:00 Uhr, Straße von Gibraltar, 300 Meter nördlich der marokkanischen Küste

Kreuzen der Straße von Gibraltar: aktives Ausweichen ist hier unumgänglich

Kreuzen der Straße von Gibraltar: aktives Ausweichen ist hier unumgänglich

Markante Landmarke: der Affenfelsen von Gibraltar

Markante Landmarke: der Affenfelsen von Gibraltar

So geht Regatta: den Frachter als Wendemarke nutzen

So geht Regatta: den Frachter als Wendemarke nutzen

Der Wind flaut ab. Tiefziehende Wolken, die das Licht der Küstenstadt Tanger reflektieren, erhellen ein wenig die Dunkelheit. Ich versuche, den ostsetzenden Strom ins Mittelmeer zu finden. Etwas mehr backbord …  oder doch dichter unter Land. Irgendwo muss er sein. 4 Knoten … 4,5 Knoten … 5,5 Knoten. Treffer!Die Strömung schiebt mit, so knapp vor der Küste. Mein Blick streift das Ufer, ich prüfe die Umgebung. Alles ok, keine Hindernisse, der Blick auf die Seekarte verspricht ausreichend tiefes Wasser.

Plötzlich sehe ich Lichter an Land. Ein Lagerfeuer, dann flackern Fackeln oder brennende Äste auf, Taschenlampenlicht erreicht mich. Was ich erst als ziellos ungerichtetes Licht wahrnehme, bekommt nun eine Rhythmik – und eine Richtung. Mich. Eine Gruppe Menschen versucht, mir eine Nachricht zu übermitteln.

Was nun?

Meine Morsekenntnisse sind gleich null. Weiter …, nicht beirren lassen.

Doch die Gedanken lassen mich nicht los. Sind es Vertriebene, die dort am Strand auf Ihren versprochenen Transport warten und sich auf diese Art zu Erkennen geben? Der Zeitpunkt ist ideal. Es herrscht wenig Wind, kaum Schwell, eine Strandung zur Übernahme würde gefahrlos stattfinden können.

Unbehagen packt mich. Was, wenn einige Ungeduldige schon versuchen, mich schwimmend zu erreichen? Was, wenn sich schon zwei, drei Jungs an meinem Heckkorb festhalten? Und was, wenn die Situation nicht nur für sie, sondern auch für mich gefährlich ist?

Ich prüfe die Umgebung – nichts. Es ist ruhig. Ich starte den Motor, mit sieben Knoten Fahrt rauschen wir davon. Aus der Ferne höre ich sie noch rufen und pfeifen. „Jetzt einen Rum!“, denke ich bei mir. Doch Rum … ist aus dieser Tage.

In Momenten wie diesen wird meine vermeintliche Sicherheit auf meinem Boot, das Lottes und mein Zuhause ist, fragil. Meine kleine heile Welt bekommt Risse, durch die „die andere“ Realität einzieht, die, die nicht meine ist, aber plötzlich zu meiner wird. Dann kommt zu dem Vertrauen in mich, in meine Fähigkeiten, mein Equipment und natürlich in Lotte, auf einmal Misstrauen, Unsicherheit und Angst – keine schönen Gefühle. Wenn das Alleinsein auf hoher See in der eigenen kleinen Nussschale auch sonst ein Segen ist – in solchen Momenten muss man mit den Eindrücken und Emotionen allein fertig werden und aufpassen, dass man gefestigt bleibt.

Es soll Segler gegeben haben, die auf offener See plötzlich durch die Illusion  aufsteigender unterseeischer Vulkane von Angst und Schrecken getrieben wurden.

Sicherheit ist manchmal eben relativ, auch die gefühlte.

DER BORDHUND, DIE ARME SAU

„Für Lotte muss das Leben an Bord manchmal hart sein“, denke ich, als ich am Ende eines langen Tages bei einer Flasche Rotwein im Cockpit vor den Resten meines bereits erkalteten Dönertellers sitze und Lotte zusehe, wie sie mit sabbernden Lefzen und einer zur Gabe auffordernden Pfote auf meinem Knie um ein paar versalzene Pommes bettelt.

Ich habe dieses Leben so gewählt. Lotte hatte keine Wahl. Nun muss sie mich 24 Stunden am Tag ertragen: meine Niedergeschlagenheit während anstrengender Etappen, meine Euphorie bei guten Bedingungen und dem Erreichen traumhafter Orte. Manchmal würde ich gern wissen, was sie denkt. Aber vielleicht ist es besser, sie behält es für sich.

Erwartet Delfine, findet aber auch Mondfische interessant: Lotte

Erwartet Delfine, findet aber auch Mondfische interessant: Lotte

Ein Hund an Bord ist besonders bei den Langfahrtseglern keine Seltenheit mehr. Oft sind es die kleinen Rassen, die sich prima verstauen lassen, wenn es draußen ungemütlich wird. Aber auch Dobermänner, Doggen, Schäferhunde und natürlich die verrückten Wasserhunde treffen wir zu Hauf auf Booten und Stegen spanischer Häfen. Die Hunde bilden kleine Rudel und spielen ausgelassen. Sie genießen die Freiheit in den Häfen und an den Stränden. Doch wenn zwischen den Haltern Erfahrungen über ihre vierbeinigen Gefährten zur See ausgetauscht werden, dann sind es stets die gleichen: „Wenn´s draußen zu ruppig wird, ist mein/e (hier beliebigen Hundenamen einfügen) schnell am Zittern.“

Ich betrachte die zu meinen Füßen zusammengerollte Lotte. Ich versuche, meinem schlechten Gewissen ihr gegenüber klar zu machen, dass die reine Zeit unter Segeln in wirklich anstrengender See vielleicht 0,2% der Gesamtzeit ausmacht. Das schlechte Gewissen bleibt.

Andererseits, denke ich, kann ich bei Lotte keine negativen Wesensänderungen feststellen. Vielleicht kommt sie ganz gut klar mit den Herausforderungen als Bordhund. Ihr Geschäft erledigt Lotte mittlerweile souverän. Unerschrocken, im breitbeinigen Seemannsgang, tappt sie nach vorn um dort, ebenso breitbeinig (dabei erinnert sie mich oft an einen Mobilkran mit ausgefahrenen Stützen), ihre Gaben für Rasmus zu produzieren. Wird Lotte auch mal nass dabei – sie nimmt es gelassen hin. Manchmal entdeckt sie währenddessen Delfine, die mit dem Boot spielen. Taucht einer von ihnen direkt unter dem Boot ab, springt sie den Niedergang herunter und schaut, ob der Fisch nun in ihrer Koje liegt.

Doch es gibt nicht nur diese schönen, leichten, diese bereichernden Momente. Hunde und ihre Segler müssen auch mit Einschränkungen leben. Beispielsweise ist es in Spanien unmöglich, den öffentlichen Bus gemeinsam mit dem treuen Vierbeiner zu benutzen. Oder auch der Zugang in viele Naturparks wird verweigert und in Kneipen, Restaurants und Ferienwohnungen sind Hunde verboten.

Nach Großbritannien nur auf Umwegen: Segeln mit Hund

Nach Großbritannien nur auf Umwegen: Segeln mit Hund

Auf die Spitze treiben es aber die Briten mit Ihren Regularien rund um den Hund. Deren Einreisebestimmungen erlauben es praktisch nicht, auf eigenem Kiel mit Hund anzulanden, trotz korrekter Papiere. Nur die Einreise mittels Fähre, Airline oder Zug wäre möglich. Was also tun? Den Hund in Frankreich an einen Baum binden, nach UK segeln, das Boot parken, mit der Fähre zurück nach Frankreich schippern, den Hund nehmen, mit der Fähre zurück nach UK kommen und fertig?

Das ist in der Tat eine Möglichkeit.

Die Andere ist das Ausnutzen von Sonderabkommen mit anderen Staaten wie Malta, Gibraltar, Finnland und der Republik Irland, um von dort auf direktem Weg – also ohne Zwischenhalt – einzureisen. Genau das werden Lotte und ich auch tun, wenn wir demnächst von Frankreich aus zum Check-in nach Irland reisen, um von dort aus eine rechtskonforme Einreise ins Königreich zu wagen.

Ich sitze an Deck und ordne meine Gedanken. Als die Sonne gerade ihre letzten Strahlen über das Meer schickt, erwacht Lotte. Sie gähnt herzhaft mit weit aufgerissenem Maul, so wie nur Hunde es können. Sie schüttelt sich kurz und sieht mich an. Irgendwie vermittelt sie das Bild eines Hundes, dessen Leben ganz in Ordnung ist, oder rede ich mir das ein? Doch mir ist, als wollte sie sagen: „Hey, alles ist gut. Bislang haben wir doch jede Schwierigkeit gemeistert. Wo ist das Problem?“

Unwillkürlich lächele ich. Ich glaube, Lottes einziges Problem wäre, wenn ich eine Katze an Bord ließe. Ich grinse, als ich darüber nachdenke.

ZEHN MONATE HEIMATLOS. EINE BILANZ

Am Ende eines Regenbogens findet man ... eine Fischfarm

Am Ende eines Regenbogens findet man … eine Fischfarm

Warum gehe ich auf eine Reise, die in der Hauptsache aus Schaukelei, Komfortfreiheit und strapaziösen Beschaffungs- und Instandhaltungsmaßnahmen besteht? Was treibt mich an, zehn Kilometer zum nächsten Supermarkt zu laufen, für einen Rucksack voll Lebensmittel, die dann nur drei Tage reichen? Oder warum sitze ich stundenlang auf einer nach Ergonomiekenntnissen der 70er geformten Bank vor dem Rechner, setzte mich widrigen Wetterumständen aus oder verharre bei Nieselregen tagelang an hässlichen Orten?

Genau! Weil es irgendwann wieder weitergeht!

Die filigrane Ausarbeitung neuer Routen, die intensive Beschäftigung mit den Eigenschaften der Gewässer, die stetig wachsende Neugier auf noch unbekannte Orte und der Hunger nach neuen Eindrücken halten meine Lust am Segeln lebendig. Mit dem nächsten Ziel vor Augen ist es beinahe ein Rausch, der mich über die nächsten 50.000 Wellen treibt. Planen, abfahren, ankommen und: freuen – jedenfalls meistens. Die Illusion ist dabei ein mächtiger Antreiber, denn oft entsprechen die Orte nicht den ausgemalten Erwartungen: Landschaften, die lediglich aus wenigen Fotografenperspektiven Reize vermitteln. Vom Tourismus eingenommene Häfen. Menschen, die keine Willkommenssignale aussenden oder schlicht zu viele Deutsche am Zielort. Dann ist es nicht anders als daheim.

Und doch, es gibt sie: Orte, die verzaubern, einlullen oder einfach nur etwas Eigenwilliges ausstrahlen, was man unbedingt entdecken muss. Manchmal finde ich sie zufällig. Und dafür lohnt es sich. Immer wieder aufs Neue.

Vom Mittelmeer in den Atlantik: nicht gezählt aber es waren etwa 120 Schleusen durch den Canal de deux Mers

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Feierabend im versandeten Canal du Midi. In Ufernähe stecken wir einfach fest

Feierabend im versandeten Canal du Midi. In Ufernähe stecken wir einfach fest

Der Gedanke an die Heimat ist ebenso präsent. Familie und Freunde – ich vermisse sie. Im September segle ich nach Hause – für ein paar Wochen. Bis dahin hilft reger Kontakt über soziale Medien darüber hinweg. Aber auch die neu entstehenden Freundschaften sind wertvolle Unterstützer. Verabredungen mit befreundeten Crews oder zufällige Begegnungen im nächsten Hafen. Das passiert öfter, als ich es anfangs vermutet hatte. Eine auf Lanzarote entstandene Freundschaft wird im August durch eine Einladung in das Londoner Zuhause fortgesetzt. All das vermittelt ein wenig Vertrautheit, ein bisschen Heimatgefühl und sorgt für frische Lebensenergie.

Ich setze die Reise fort – sie ist nicht in diesem Jahr zu Ende.

Im kommenden Winter plane ich ein umfangreiches Refit. Das Boot soll schöner, funktionaler und deutlich sicherer werden. Damit ein nächster Sturm (und der kommt bestimmt) weniger auf Inventar und Gemüt schlägt. Im Sommer 2017 könnte es dann die große Ostseerunde werden, oder eine Norwegentour inklusive Island. Hauptsache Norden! Nach so viel Sonne in den vergangenen Monaten ist das tatsächlich mein größter Wunsch.

Finden noch kein Ende: Hund und Herrchen

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Es geht also weiter. Noch will ich nicht ankommen. Und obwohl ich hier auf dem Boot ein ganz anderes Leben lebe als noch vor einem Jahr, wo ich ein ganz normales Zuhause hatte und ein ganz normales Büro in einer ganz normalen Stadt, so meine ich dennoch nicht, mich auf ewig durch mein selbst verordnetes Eremitentum aus der menschlichen Gesellschaft zu entfernen und irgendwann nicht mehr sozialisierbar zu sein.

Oder doch?

Gerade letztens wurden mir von zu Hause aus eine wirre Stimme und ein irrer Blick nachgesagt. Ich frage Lotte, wie sie darüber denkt, doch sie scheint nicht beunruhigt zu sein. Sie kaut zufrieden auf den neuen roten Pumps herum, die ich mir letztens gekauft und nicht schnell genug vor ihr in Sicherheit gebracht habe. Erleichtert wende ich mich wieder meiner Häkelarbeit zu. Der Mastschoner in blau-weißer maritimer Optik und goldenen Knöpfen soll noch vor dem nächsten Sturm fertig werden.

Ich denke, es ist alles in Ordnung mit mir.