La Coruña bis La Palma

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Big Business auf dem Vordeck
Beule im sozialen Raum-Zeit-Gefüge
Auf Flaute folgt …

“Big Business” auf dem Vordeck

06.12.2015, westlich Figuera da Foz, Portugal

Verzeiht diese Abbildung, aber ... ich war so stolz!

Verzeiht diese Abbildung, aber … ich war so stolz!

Trauminsel nur für mich. Danke, Islas Cies.

Trauminsel nur für mich. Danke, Islas Cies.

Ich feiere Lotte – ja, führe gar ein Tänzchen für sie auf. Suche eilig nach Wurst, Käse, Schinken. Für diesen Moment, diese großartige Premiere! Es muss schnell gehen, sonst hat sie es vergessen. Schuldbewusst, mit gesenktem Haupt kommt sie langsam vom Vordeck zurück. Ich habe sie beobachtet, sie hat es erledigt. Ihr Geschäft. Das Kleine und das Große. Bei drei Meter See. Ganz souverän. Sie versteht nicht … rührt ihre Belohnung nicht an, vorerst. Habe ich sie doch jahrelang darauf trainiert, ihre Tretminen ausschließlich auf feindlichem Terrain abzusetzen. Wir gehen gemeinsam nach vorn, mit der Pütz spüle ich das Deck, sie versteht und verschlingt anschließend ihr Festmahl. In der Hoffnung, dass Lotte nun eine Business-Routine entwickelt, erwische ich mich dabei, “Oops, I did it again” von Britney Spears zu summen.

Noch 35 Meilen bis Nazaré – seit den Islas Cies segeln wir nonstop, sämtliche Häfen sind gesperrt. Nazaré ist der nächste Hafen, der dank seines angrenzenden Tiefwasser-Canyons auch bei höherem Schwell sicher angelaufen werden kann. Wir bekommen kräftigen Gegenwind, kreuzen durch die Nacht, fallen nach zweieinhalb Segeltagen erschöpft in die Kojen.

Beule im sozialen Raum-Zeit-Gefüge

21.12.2015, Nazaré

kunst

Kunstvoll verewigt. Die Hafenmauer in Nazaré.

Eine Trainingswelle. Ab 20 Meter kommt dann auch die Surf-Elite aus Hawaii angeflogen.

Eine Trainingswelle. Ab 20 Meter kommt dann auch die Surf-Elite aus Hawaii angeflogen.

Ich, der Einhandsegler mit Hund. Getrimmt auf eher kurze, flüchtige Kontakte. Mal ein Bier hier und da oder ein Abendessen mit den Stegnachbarn. Abschiede gestalten sich einfach, sie gehören dazu wie das Licht zur Sonne. Hier ist auf einmal alles anders. Mein Verstand will heute Weitersegeln – nach La Palma. Die Wetterbedingungen sind endlich gut. Doch jetzt, noch eine Stunde bis Abfahrt, fällt es mir schwer. Halbherzig präpariere ich mich und das Boot für den etwa siebentägigen Törn. Lotte hatte Anschluss, nein, sie war bereits fester Bestandteil eines sympathischen Wildhunderudels, gestaltete Ihre Tage frei Schnauze, kam jeden Abend äußerst zufrieden in die Koje. Auch mich beschlich die erfrischende Dynamik hier überwinternder Langzeitsegler.

Diesel-Backup für Flautentage. Nein, Segler sind nicht automatisch CO2-Vermeider.

Diesel-Backup für Flautentage. Nein, Segler sind nicht automatisch CO2-Vermeider.

Gassigehen nur im Rudel. Die wilden Rüden von Nazaré.

Gassigehen nur im Rudel. Die wilden Rüden von Nazaré.

An dieser Stelle danke ich Renate und Hermann für die netten Koch-Events, Ruth für die fantastische Erbsensuppe, Peter für die helfenden Transporte mit dem Auto, Dody für das umfassende lokale Wissen, Lauren und Nathan für die Kanisterleihgabe, Ulli und Stefan für die zwei Korken, die noch heute erfolgreich das Deck abdichten. Héléne, danke für die Fotos. Loïck, bleib wie Du bist.

Auf Flaute folgt …

24.12.2015, Heiligabend

Heilig Abend - Maersk bringt die Geschenke.

Heiligabend – Maersk bringt die Geschenke.

13:30 Uhr, der Diesel läuft. Der dritte Tag auf See ist passé. Die 24 h-Etmale: 133, 130, 140 Seemeilen. Wir stehen knapp zwei Segeltage westlich von Casablanca mit Kurs Lanzarote. Die See glänzt ohne jede Störung, sanft schiebt sich die lange Dünung unter uns durch. Es gibt nichts zu tun. Ich lege mich aufs Deck, setze Kopfhörer auf, die französische Band “AIR” übertönt das Brummen des Motors, ergänzt das friedvolle Panorama zu einem harmonischen Gesamterlebnis. Es dämmert, ich schlafe ein und wache erst mitten in der Nacht auf. Über mir das Band der Milchstraße, so klar und einsichtig, wie noch nie.

25.12.2015

Sandige Luft aus der Sahara kündigt kräftigen Wind an.

Sandige Luft aus der Sahara kündigt kräftigen Wind an.

Endlich kommt Wind. Erst verhalten, später frisch – aus Südost. Ich komme auf 120 Seemeilen an Lanzarote heran, ändere meinen Kurs nun in Richtung Santa Cruz, La Palma. Die Segel ziehen kraftvoll, der Autopilot arbeitet ordentlich, ich freue mich und fühle mich in meiner Reiseplanung bestätigt. Meine Wetterkarten sind bereits vier Tage alt, doch bisher ist alles wie erwartet eingetroffen. Der Südost-Wind soll im Laufe des Tages auf 20 Knoten auffrischen – perfekte Bedingungen für meinen Westkurs, ich rechne mit einem Tages-Etmal von 150 Meilen. Doch irgendetwas beunruhigt mich. Das Licht … das Tageslicht, etwas ist anders als die Tage zuvor. Ich lasse meinen Blick in alle Richtungen kreisen. Im Norden und im Westen ist der Himmel blau, im Südosten nehme ich eine farbliche Abstufung wahr: gelb! Verdammt, was bedeutet das? Die Sonne, leicht getrübt, steht vor einem gelblich getönten Himmel. Ich nehme den Revierführer zur Hand und blättere nervös durch die Wetterbeschreibungen und ja, mein Verdacht wird bestätigt. Es ist Sand, Sand aus der Sahara, aufgewühlt von einem kräftigen Südost-Wind. Im Laufe des Tages nimmt die Färbung zu. Ich nutze die Zeit, mich vorzubereiten. Aber auf was? Ich sichere alle Gegenstände an Deck erneut. Das Dinghi, die Leinen, der Anker kommt weg, die Spieren verknote ich mehrfach an der Reling. Die Nacht kommt, ich berge vorsichtshalber das Großsegel. Die Fock zieht noch mit 4 Knoten. Ich lege mich nervös in die Koje, blättere durch das Kapitel “Sturmtaktik” in Wilfried Erdmanns “Segeln – Praxisbuch des Fahrtensegelns” und lege mir – zumindest theoretisch – ein paar gängige Methoden zurecht. Wird das ein Sturm? Es wäre mein erster echter, weit draußen, ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne die Vorfreude, die sich üblicherweise bei Starkwindvorhersagen in heimischen Gewässern einstellt.

26.12.2015, 04:20

Ich rolle in der Koje hin und her. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. Ich ziehe alles über, was das Schlechtwetterschapp zu bieten hat. Der Mond spendet Licht. So viel Licht, dass ich alles sehen kann. Die Wellen mögen fünf Meter Höhe erreicht haben, überall sehe ich weiße Schaumköpfe, mäßig hoch. Der Pilot arbeitet an seiner Leistungsgrenze, ich öffne die Fock ein wenig, wir sind auf Kurs. Der Tag bricht an, wir laufen mit 5,5, 6, 6,5 Knoten die Wellenberge herab. Der Wind wird stärker, die Wellen werden steiler und höher. Sie wirken bedrohlich steil. Der südsetzende Kanarenstrom, ein Ausläufer des Golfstroms, leistet seinen Beitrag. Und doch rollen sie einfach unter uns durch. Ich kann die Wellen abzählen. Die besonders hohen Dreiergruppen sind bereits in der Ferne auszumachen, 7 Knoten, 7,5, wir surfen, 11 Knoten, der Pilot versagt, wir luven an und fallen auf die Seite. Hektisch übernehme ich die Pinne um vor dem Durchgang der nächsten Welle wieder auf Kurs zu sein. Ich richte das Heck wieder in den Wind und schaue in die Kajüte. Lotte ist auf ihrem Platz, schaut mich fragend an. Die Bodenbretter liegen chaotisch in der Bilge.

Ich bin gelähmt, will nach Hause. Ich bin zu Hause. Wie geht es weiter? Angst macht sich breit. Ich verharre an der Pinne, halte das Boot auf Kurs, dann der nächste Berg. Wir laufen aus dem Ruder, ein Schaumstreifen trifft uns mit roher Gewalt, Wasser kommt über und füllt das Cockpit. Es läuft über das untere Steckschott in die Kajüte. Wir sind zu schnell. Diesen Surf vertragen wir nicht. Der Ruderdruck ist zu groß, wir haben zu viel Segel stehen. Ich muss nach vorn, die Fock bergen. Ich will nicht. Ich will nicht nach vorn. Ich teste verschiedene Kurse, öffne die Fockschot, lasse die Pinne los. Dann die Überraschung: es kehrt relative Ruhe ein. Die geringe Fahrt verkleinert die auf uns einwirkende Energie. Auf allen Vieren krieche ich nach vorn. Stets gesichert mit der Life-Line. Ein sicherer Stand auf Deck ist nicht mehr möglich. Zu ruckartig sind die Bootsbewegungen, wenn die Schaumstreifen das Boot treffen. Auf dem Rücken liegend löse ich das Fockfall, das Segel, wild knatternd, fällt langsam herab, landet im Wasser. Im Dauerduschbad der See zerre ich am Segel, hole es Stück für Stück ein. Nach etwa 20 Minuten bin ich zurück im Cockpit, wir treiben quer zu den Seen. Zurück an die Pinne. Wir nehmen ohne auch nur einen Quadratzentimeter Segel Fahrt auf, 4, 4,5, 5 Knoten platt vorm Wind. Navigation ist nicht mehr möglich, wir wettern das in Richtung Nordwest ab. Hin und wieder treffen uns weitere Schaumstreifen, Wasser kommt über, die elektrische Lenzpumpe läuft bald dauerhaft. Es ist Nacht, ich habe Hunger, lasse uns einfach treiben, die Pinne festgebunden, so dass wir 70-80 Grad zu den Wellen stehen. Chaos im Salon, ich finde Dinge in der Bilge: die Kabeltrommel, zwei Pullis, den Wasserkocher, diverse Bücher, Schuhe, die Tüten mit den Vorräten. Das Radio ist aus seiner Halterung gerissen, schaut an den Kabeln hängend aus der Wand heraus. Lotte ist auf ihrem Platz. Die Batteriebank ist nass. Ich schalte den Strom ab, lasse lediglich das Funkgerät an. Ich ordne alles. Auf dem Boden liegend schäle ich mir eine Orange und verschlinge sie hektisch. An Schlaf ist nicht zu denken. Im Cockpit festgeklemmt versuche ich, gute Pinnenarbeit zu leisten, den Schaumstreifen wenig Angriffsfläche zu bieten.

27.12.2015

Sturmtag zwei bricht an. Die Wellen mögen 8 Meter hoch sein, lange abwehende Schaumkämme zeigen sich. Breite Schaumstreifen legen sich in Windrichtung. Doch sind die Seen nun weniger steil, die Bedrohlichkeit schwindet. Ich lege Pausen ein, prüfe unseren Standort und unseren Kurs. Wir halten auf Madeira zu. Bis zum frühen Nachmittag hält dieser Zustand an. Es flaut langsam ab, die Wellen – nun ohne Antriebskraft – kollabieren, wirken glasig, geben uns noch drei oder vier kräftige Schläge. Ich schnappe mir Lotte, sie erledigt ihr Geschäft. Aus West kommt eine Wolkenfront angerauscht. Regenwolken mit Walze. Ich lasse uns weiter ohne Segel treiben. Böen schlagen ein, jede Fernsicht hört auf, die alte Südost-Welle vermischt sich mit einer frischen Südwest-Welle. Eine chaotische Kreuzsee entsteht. Noch 90 Meilen bis Madeira. Nach Durchzug des Ausläufers wird es freundlicher. Ich kann die Fock wieder setzen, der Autopilot streikt, er ist kaputt, ich steuere manuell, binde die Pinne mit einer Leine fest, so bleiben wir immer wieder für ein paar Minuten auf Kurs. Die zweite Nacht ohne Schlaf. Der Mond spendet Licht, viel Licht. Ich sehe mich um, beginne zu halluzinieren. Am Südhorizont steht eine Welle, die bis zum Himmel reicht. Wie in “Interstellar”, doch sie bewegt sich nicht. Ich schaue weg, reibe mir die Augen, blicke zurück. Sie ist noch da. Sie bleibt dort ein paar Stunden. Berauscht von der optischen Qualität – Halluzinationen sind perfekt ins Hirn eingerechnete Bilder – beginne ich den Zustand zu genießen. Leichtigkeit macht sich breit. Die Sonne geht auf, im Kielwasser schwimmt Trockenfutter. Trockenfutter? Ja, braune, donutförmige Hundetrockenfutterringe blubbern im Kielwasser. Ich schaue weg und wieder hin. Sie sind noch da. Sie bleiben ein paar Stunden. Ich höre weiterhin das Heulen und Brummen der Wanten, Geräusche aus dem Sturm, nicht existent aber deutlich hörbar – in stereo.

Wir erreichen Porto Santo im Madeira Archipel. Bevor ich mich schlafen lege, lasse ich die Customs Authority routiniert, beinahe teilnahmslos, gewähren. 57 Knoten Wind haben sie im Hafen gemessen. Ich führe das auf eine dejustierte Wetterstation zurück.

Silvester auf Porto Santo bei Christine und Fernando.

Silvester auf Porto Santo bei Christine und Fernando.

01.01.2016

Wir sind wieder unterwegs. Noch 2,5 Tage bis La Palma. Hannah, Anne und Hanke warten dort auf mich, haben bereits am 28.12. mit mir gerechnet. Ich nutze den schwachen Wind, um die meisten Defekte, die während der Sturmphase entstanden sind, zu reparieren. Auf Porto Santo habe ich bereits die Ruderaufnahme neu befestigt. Nach dem Sturm schlackerte die Pinne mit 10 Grad Spiel im Koker. Auf den Tag folgt die Nacht, die Zeit vergeht angenehm. Ich analysiere meine erste Sturmfahrt. Vieles habe ich richtig gemacht, aber auch einiges nicht.

Die neue Route bis August 2016.

Die neue Route bis August 2016.

La Palma - endlich da.

La Palma – endlich da.

Am 03.01.2016 erreichen wir Santa Cruz de La Palma, Teil 1 meiner Reise geht zu Ende. Für einen Moment genieße ich das Ankommen, freue mich auf meine Gäste, die am Abend einziehen, doch ein paar Stunden später brüte ich bereits Teil 2 aus … mit Ziel: Färöer.