Der Ärmelkanal

08. September 2015, 18:30 lokale Zeit, Rye Harbour, England
Wie man Seemeilen in Bananen umrechnet

Die "Flämischen Bänke" - mit sicherem Abstand passieren.

Die “Flämischen Bänke” – mit sicherem Abstand passieren.

Wie im Schulbuch: The white Cliffs of Dover

Wie im Schulbuch: The White Cliffs of Dover

Belgien ist Geschichte, die Passage über den Kanal nach England war schönwettergeprägt. Kurz vor Tageslichtende erreiche ich Rye Harbour um dort Hannah (1), Anne und Hanke an Bord zu nehmen. Die drei sind mit dem Flieger angereist um eine schöne Segelwoche an Bord zu verbringen. Wir suchen uns einen Schwimmsteg zwischen all den bereits weit trocken stehenden Booten.

Frühstück und Leinen los. Raus aus dem Schlick, rein in die grüne See. Hanke ist motiviert, will endlich segeln. Kann er auch. Bis wir aus dem Wellenschatten von Beachy Head kommen. Eine 0.8er See von schräg hinten lässt uns schlingern, die Seekrankheit setzt sich langsam aber sicher durch. Erst Hanke, dann Anne.

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Bananen: gut für die Moral an Bord

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“Egal” – Wesentliche Nebenwirkung der Motion-Sickness-Tabletten

Hannah, die gerade unnachgiebig Laufen lernt, scheint an der Schaukelei Gefallen zu finden, wirkt doch neben der statischen Schwerkraft eine weitere Einflussgröße auf ihren noch jungen Gleichgewichtssinn. Ich bin derweil wieder Einhandsegler, die beiden liegen.

Was aber machen seekranke Eltern mit ihrem Kind, das ständig neue Impulse – oder zumindest Aufmerksamkeit fordert? Man gibt dem Kind eine Banane oder einen Keks und es ist beschäftigt. So haben wir das 20 Meilen entfernte Eastbourne nach zwei komma fünf Bananen erreicht. Es werden Vorräte eingekauft. Vitamin-C reiche Kost, Tabletten gegen Motion Sickness und klar: Bananen.

Abschied in Littlehampton

Abschied in Littlehampton

Starkwindphase in Brighton

Starkwindphase in Brighton

Nach ein paar Schönwettersegeltagen und Sight-Seeing in Brighton landen wir in Littlehampton. Die Woche ist schnell vorbei. Abschied am Bahnhof. Ich warte eine Woche auf passendes Wetter um den Kanal erneut zu queren. Ziel ist Alderney.

18. September 2015, 18:30 lokale Zeit, Ärmelkanal, England
Dauerpräsenz der Customs Authority

Knapp 100 Seemeilen liegen vor uns. Reger querlaufender Schiffsverkehr verleitet insbesondere in der Nacht zu voreiligen Ausweichmanövern. Ich verlasse mich aber auf mein AIS, es schlägt nicht Alarm, also Kurs halten. Über Funk, zu Wasser und in der Luft bemerke ich eine hohe Präsenz der britischen Coast Guard. Auch ich werde – noch in britischen Gewässern – nach den wesentlichen Parametern gefragt: Woher, wohin, wie viele Personen?

Alderney - überall stehen Castles. Häufig ohne Nutzen.

Überall stehen Castles, häufig ohne Nutzen

Deutsche Ingenieure haben deutsche Bunker "cleverly integrated", so ein Tourist-Guide

Deutsche Ingenieure haben deutsche Bunker “cleverly integrated”, so ein Tourist-Guide

Blick über "The Swinge" auf die vorgelagerten "Casquets"

Alderney: Blick über “The Swinge” auf die vorgelagerten “Casquets”

Alderney. Unser erster Landgang führt zum Hafenmeister. Ausgestattet mit Ausweis, Lottes (gültigem) Hunde-EU-Pass und angeleintem Hund finden wir einen hektisch in Richtung Feierabend agierenden Hafenmeister. Er gibt mir ein paar Formulare (Customs Declaration) und fragt ob der Hund gegen Tollwut geimpft sei. Alles fein. Wir genießen den Nachmittag auf der Insel, es gibt Jakobsmuscheln vom Fischer. Lotte mags, ich auch.

Am nächsten Morgen lösen wir uns aus dem Mooringfeld und machen an der Dieseltankstelle fest. Freundlich uniformiert erwartet uns bereits eine Dame der Customs Authority. Ich werfe Lotte an Land, sie fängt Lotte wieder ein und bringt sie mir zurück an Deck. Hundeverbot! Auf jeder Kanalinsel. Diskussionen über gültige Impfungen, tierärztliche Bescheinigungen helfen nicht. Hunde dürfen nur an Land, wenn sie via Fähre oder Flugzeug einreisen.

Die Silhouette des Mt. St. Michel

Die Silhouette des “Mt. St. Michel”

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Behördenfreies Ankern vor Sark

Wir segeln weiter und meiden von nun an die Häfen der Inseln. Natürlich muss Lotte an Land. Wir ankern vor Sark, Ecrehous und Jersey, paddeln mehrfach am Tag an Land, verhalten uns innerhalb der Zivilisation souverän. Nach ein paar Tagen habe ich das Versteckspiel satt. Wir segeln nach Frankreich: Iles Chausey, Granville, Mt. Saint Michel, Lezardrieux. Traumhaft schön, die Bretagne. Wir bleiben. Das lässt sich eine Customs Authority nicht zweimal sagen. Ich bekomme unmerklich Besuch. Drei Herren, eine Dame.  Lotte, die sich auf dem Vordeck sonnt, wird von einem Herrn spielerisch umgarnt, die anderen drei kommen an Bord.

Eine Insel nur für uns: die "Sept Iles"

Eine Insel nur für uns: die “Sept Iles”

Mit kugelsicherer Weste, Schlagstock und Pistole ausgerüstet, löchern sie mich verbal. Wo ich herkomme, wo ich hin will und warum? Ich muss Beweise liefern. Während ich meine Hafenbelege suche, beginnen die Herren, Schapps und Taschen zu durchwühlen, Matratzen und Bodenbretter anzuheben. “Warum haben Sie einen Anzug dabei?” Ich habe mir die Antwort “Um mit kolumbianischen Drogenbossen auf Augenhöhe zu verhandeln.” verkniffen und erkläre ihnen am Laptop mein Konzept “Digitale Nomaden zur See”. Das rechtfertigt wohl auch die Anwesenheit meiner Kameradrohne, diverser Koffer mit elektronischen Komponenten, das Überangebot an PCs sowie die zehn Liter Spiritus, die ich für den Kocher auf Vorrat gebunkert habe. Ich bekomme ein Protokoll und ein freundliches Lächeln. Beim Aufräumen beginne ich, über die romantisierte Gleichsetzung von Segeln und Freiheit nachzudenken.

27. September 2015, Lezardrieux
Auf Westkurs

Dieter Hallervordens Zweitwohnsitz: "Ile Costaeres"

Dieter Hallervordens Zweitwohnsitz: “Ile Costaeres”

Bretonischer Sprungturm. Bei acht Meter Tidenhub kommt auch irgendwann Wasser

Bretonischer Sprungturm. Bei acht Meter Tidenhub kommt auch irgendwann Wasser

Langsam segeln wir die Nord-Bretagne ab. Büroarbeit, Landausflüge, Sturmtiefs abwarten, die Tage vergehen. Dieter Hallervorden kommt mir in den Sinn. Hin und wieder lebt er hier auf seiner Insel “Costaeres”, ein kleines Granit-Eiland, das nebem dem gleichnamigen Schlösschen auch einen Wald und kleine Strände bietet. Wir warten auf das anstehende Hochwasser und segeln einmal drumherum. Eine Geburtstagsgesellschaft feiert am Strand, doch von Didi keine Spur. Ich mache Fotos und lege erneut Westkurs an. Wir erreichen die “Ile de Batz”, Roscoff. Bretagne pur. Die Wetterprognose verspricht uns die Ausläufer eines weiteren Sturmtiefs, das sich über dem Atlantik austobt und später über den Ärmelkanal fegen soll. Fünf Meter See … das ist nichts für uns. Wir bleiben erneut im sicheren Hafen und arbeiten.

9. Oktober 2015, 14:00 Uhr lokale Zeit, L’Aber Wrach, Bretagne

L'Aber Wrac'h - die vorerst letzte lauschige Bucht

“L’Aber Wrac’h” – die vorerst letzte lauschige Bucht

Die “Ile d’Ouessant” und der “Phare de la Jument”, vielleicht der berühmteste Leuchtturm der Welt, stehen an diesem Wochenende an. Bekannt wurden Insel und Leuchtturm aus “Die Frau des Leuchtturmwärters” und von der spektakulären Fotografie von Jean Guichard, für die er den zweiten Preis des World Press Photo Awards erhielt.

So, Leinen los!